Still, doch nicht verstummt

Earthday am Lake Mainit: Unter dem Motto „Tao Muna – Hindi Mina!“ (Menschen vor Minen!) soll Aufklärung im Kleinen vor Bergbau im großen Stil („Large Scale Mining“) bewahren.

Es ist keine Massendemonstration, es ist nicht laut und es gibt weder Polizeipräsenz noch Laufpublikum. Und doch soll es ein Protest sein, eine Bewegung, die nachhaltige Auswirkungen auf das Landschaftsbild, das Leben der Menschen und die lokalen Machtverhältnisse hat. Am 22. April wird jährlich in über 190 Ländern dieser Welt mit verschiedensten Aktionen der Earth Day zelebriert und dadurch öffentliche Aufmerksamkeit auf unterschiedliche ökologisch relevante Themen gelenkt. Auf den Philippinen finden in diesem Rahmen an verschiedenen Orten u.a. viele Protestaktionen gegen das so genannte Large Scale Mining statt. Dazu gehört auch die ruhige Versammlung einer kleinen Dorfgemeinschaft am Lake Mainit, im Nordosten Mindanaos, der wir als Beobachter beiwohnen: Ein „Silent Protest“, um trotz des spannungsgeladenen und konfliktreichen Themas keine weitere Gewalt zu provozieren.

Verschiedene Einzelpersonen sowie Gruppen von Menschenrechtsverteidigern und Umweltaktivisten sind scheinbar „mitten ins Nirgendwo“ gereist. Doch dies aus gutem Grund, denn hier leben diejenigen Menschen, die vom Large Scale Mining betroffen sind. Auf dem Versammlungsplatz des Dorfes werden Plakate mit den Forderungen der Protestierenden aufgehängt, daneben ein Schaubild mit den Landflächen, die derzeit von den Bergbaufirmen erkundet werden. Hierzu zählt auch das Land, welches der hier lebenden indigenen Gruppe als „Ancestral Domain“, also ihr kollektives Eigentum, zugesprochen wurde, in welchem daher ohne ihre Zustimmung nichts abgebaut werden darf. Da es anscheinend gängige Praxis ist, solcherlei Zustimmung mit Hilfe leerer Versprechungen zu erlangen, ist es das Ziel der angereisten Aktivisten, die Bewohner über ebensolche Taktiken aufzuklären und die Risiken zu veranschaulichen die das Large Scale Mining für die Menschen und ihre Lebensgrundlage, die Umwelt, birgt. Angesprochen wird dabei die gesamte Dorfgemeinschaft, da sie auch in ihrer Gesamtheit betroffen ist. So besteht die Schar der Teilnehmer, die sich im Schatten versammeln um zuzuhören, zu einem großen Teil aus Kindern.

Die Vortragenden haben sehr unterschiedliche Hintergründe. Die Gruppen, die sie vertreten, sind teilweise lokale Basisbewegungen, also Zusammenschlüsse von Betroffenen, die ihre eigenen Erfahrungen mit der Skrupellosigkeit von Bergbaufirmen mit Anderen teilen möchten; teilweise kommen sie aber auch von regional oder sogar national agierenden und vernetzten NGOs, die zu unterschied­lichen Themengebieten arbeiten. Während auf dem Versammlungsplatz noch die Vorbereitungen laufen, nutzen wir die Gelegenheit uns mit ihnen zu unterhalten.

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IPON Observer beobachten die Versammlung der Dorfbewohner

Unser erster Gesprächspartner ist Danny Arias, der als Sprecher eine Organisation namens Side of the Struggle (SOS) vertritt. Dies sei ein Bündnis verschiedener indigener Gruppen, Nichtregierungsorganisationen, zivilgesellschaftlicher Gruppen und Kirchen auf den Philippinen, deren Ziel es sei, den philippinischen Kongress dazu zu bringen ein verschärftes Bergbaugesetz zu verabschieden, die „Alternative Mining Bill“. Sie seien also nicht grundsätzlich gegen Bergbau, er müsse aber verantwortungsvoller gestaltet werden.

Laut Danny, bringe die derzeitige Regelung wenig Nutzen für die Bevölkerung, sondern würde die zumeist ausländischen Konzerne zu sehr begünstigen. Diese müssten kaum Steuern zahlen, und auch die Produkte des Abbaus würden größtenteils außer Landes geschafft, statt für die lokale Entwicklungsförderung eingesetzt zu werden. Häufig würde zuerst versprochen, Arbeitsplätze, Schulen und Infrastrukturen wie Wasser- und Stromnetz für die Anwohner zu schaffen. Doch diese Versprechen täuschten und blieben meist unerfüllt. Sogar wenn zunächst die Lokalbevölkerung eingestellt würde, gäbe es keine längerfristigen Verträge. Zudem seien die Löhne für einfache Arbeiter nicht ausreichend und ihre Arbeitsbedingungen schlecht, während die Manager für sich selbst unverhältnismäßig hohe Profite erzielten. Hierin würden sich alle Konzerne gleichen.

Hinzu kämen die teilweise verheerenden Folgen, die das Large Scale Mining für die Umwelt habe. Um neben der Rodung vieler Wälder nur ein weiteres Beispiel zu nennen, würden im Grund- und Flusswasser (also dem Trink- und Nutzwasser der Anwohner) in vielen Abbaugebieten die zulässigen Höchstwerte für Nickel-, Kupfer-, oder andere Schadstoffkonzentrationen um ein Viel-hundertfaches überschritten.

Wie Danny uns erklärt, setze er sich aus diesen Gründen für eine alternative Gesetzesvorlage ein, die darauf abziele, den Bergbau an die grundlegenden Bedürfnisse der Bevölkerung anzupassen, dabei die Umwelt und die Anwohner zu schützen und die philippinische Nation stärker an Gewinnen zu beteiligen. Das derzeit geltende Gesetz sei nicht nur in der Theorie schwach, sondern würde zusätzlich durch Korruption und Bestechung gebeugt. Wo das nicht ausreiche, würden verschiedene andere Druckmittel – bis hin zu Gewalt – angewendet, um die Interessen der Firmen durchzusetzen.

Neben dem Einsatz für die Alternative Mining Bill überprüfe seine Organisation derzeit auch, inwiefern „Small Scale Mining“, also Bergbau in kleinem Stil in lokaler Hand, eine für Mensch und Umwelt besser verträgliche Alternative darstellen könne. Durch die kleineren Mienen und geringeren Förd­er­men­gen sei der entstehende Schaden hierbei zwar meist geringer, auch käme der Gewinn direkter bei den Menschen an, der Nachteil sei jedoch, dass das Small Scale Mining keinerlei Regulation unterliege. So seien Einstürze aufgrund unzureichender, selbstgemachter Stützkons­truktionen und mangelnder Sicherheitsvorkehrungen nicht selten. Auch käme es beim Small Scale Mining häufiger zu Kinderarbeit. Unkontrolliert sei auch die Belastung der umliegenden Böden und Gewässer.

Unser nächster Interviewpartner, Jaime Makinano, kommt von PhilDHRRA, der Philippine Partnership for the Development of Human Resources in Rural Areas , einem NGO-Netzwerk, das als übergeordnetes Arbeitsziel die Durchsetzung nachhaltiger Entwicklungsprogramme nennt. Der Weg dahin führe über die Stärkung der Fähigkeiten und den Ausbau der Möglichkeiten der Einzelnen, erläutert uns Jaime. Konkret biete PhilDHRRA Trainings, Fortbildungen und Zugang zu Information an; dadurch sollten die Menschen dazu angeregt und darin unterstützt werden sich selbst zu organisieren und zu engagieren. Es ginge insbesondere darum, dass Opfer von Menschenrechtsverletzungen ihre Rechte kennen und in der Lage sein sollten, sich selbst zu schützen. Gerade in Bergbaukonflikten sei dies besonders wichtig, da Behörden und Militär häufig von den großen Firmen bestochen würden. So geschehe es nicht nur im Zusammenhang mit Anti-Mining-Protesten, dass sich die staatlichen Streitkräfte auf die Seite der Firmen stellten, sondern es käme sogar vor, dass ganze Dörfer unter dem Vorwand der Terrorismusbe­kämpf­ung zeitweilig umgesiedelt würden. Während dieser Zeit hätten dann die Konzerne Gelegenheit, das Gebiet zu erkunden und es aufgrund der verlassenen Häuser für unbewohnt zu erklären. Auf diese Weise würden sie die eigentlich notwendige Einwilligung der Anwohner umgehen.

Viele dieser geschilderten Vorgehensweisen werden durch Erfahrungsberichte weiterer Anwesender bestätigt. Eine Frau erzählt uns, in ihrem Dorf hätte sich die Gemeinschaft zunächst geschlossen gegen die Eröffnung einer Miene in der Nähe des Dorfes verwahrt, unter anderem da sie das Grundwasser der Gegend hätten schützen wollen. Nachdem die verantwortliche Firma jedoch eine medizinische Versorgungsstation aufgebaut, Bestechungsgelder und Jobangebote verteilt habe, sei die Eintracht der Gemeinschaft zerstört gewesen: Einige hätten sich nun für den Bergbau ausgesprochen, Andere hätten sich zusammenge­schlos­sen und weiterhin Protestaktionen gegen die Firma durchgeführt, die diese rabiat bekämpft habe. So seien Firmen­autos direkt durch die Kette der Protestierenden gefahren und bewaffnetes Sicherheitspersonal sei engagiert worden. Im gewaltsamen Konflikt hätten sich Polizei und Militär auf die Seite der Firma geschlagen.

Eine weitere Gruppe von Frauen kommt ebenfalls aus der Gegend rund um den Lake Mainit. Bereits mehrmals haben sie alles verloren und mussten Häuser und landwirtschaftliche Lebensgrundlage neu aufbauen. Der Hintergrund: Wie sie uns berichten, seien sie vom Militär aufgefordert worden, ihre Siedlungen zu verlassen und angeblich zu ihrer eigenen Sicherheit vorübergehend in der Versammlungshalle des Dorfes zu leben, da sich in der Gegend bewaffnete Rebellen verstecken würden. Von diesen hätten die Frauen allerdings – so lange das Militär nicht zugegen gewesen sei – nie etwas gesehen. Nach Beendigung der militärischen Operationen, teilweise nach bis zu zwei Monaten, in denen sie nicht auf ihre Felder, nicht zu ihrem Vieh und nicht in ihre Hütten gekonnt hätten, hätten sie diese geplündert und niedergebrannt vorgefunden. Angeblich das Werk der Rebellen, sei die Zerstörung den Frauen zufolge aber eindeutig von den Soldaten verübt worden. Erst vor wenigen Monaten haben die Frauen deshalb beschlossen sich zu organisieren, um sich so besser vor dieser Art von Menschenrechtsverletzungen schützen zu können. Eine Erfahrung, die sie nun teilen möchten.

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Einige Frauen des Dorfes mit „ihrem“ Plakat im Kerzenschein

Über die verschiedenen Redebeiträge ist es dunkel geworden und es werden Kerzen entfacht. Jeder der Dorfbewohner bekommt eine, um damit das Motto dieser Veranstaltung und die mitgebrachten Plakate zu erleuchten. Der Abschluss dieser Aktion wirkt freundlich, hoffnungsfroh, auflockernd und doch bindend. Es sind nicht nur die Kinder, die sich an den Kerzen und Bannern in ihren Händen erfreuen. Im Zentrum des Kreises aus Dorfbewohnern werden derweil stumme Szenen der Unterdrückung nachgestellt. Hier geht es dabei nur um Fotomotive für die Dokumentation des Protestes und um die Einbindung des Dorfes – doch die Realität ist, dass der Bergbau vielfältige zu roher Gewalt eskalierte Konflikte birgt, in denen Menschenleben wenig zu zählen scheinen. Dass Umweltaktivisten und Menschenrechtsverteidiger regelmäßigen, teilweise tödlichen Bedrohungen ausgesetzt sind und dass viele Betroffene sich mit friedlichen Mitteln nicht mehr zu helfen wissen, scheint in dieser friedlichen Atmosphäre des Kerzenlichtes weit entfernt, und doch liegt genau hierin und in der Ablehnung dessen die Begründung für diese nach Deeskalation trachtende, ruhige Form des Protestes. Heute, am Earth Day, geht es um Frieden für Umwelt und Menschen.

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