„Never do this again!“

Sulu: Menschenrechtsverteidiger unter Druck

Es ist der 13.Mai 2009 als in Jolo, der Hauptstadt Sulus, eine Splitterbombe gezündet wird. Neun Menschen werden verletzt. Der Gouverneur Sulus, Mr. Absudakur Tan, entgeht nur knapp dem Attentat. Ein Tag wie viele im äußersten Süden der Philippinen, wo seit fast 30 Jahren Bürgerkrieg herrscht und radikale Gruppierungen wie die Abu Sayyaf und verschiedene Clans um ihre Vormachtstellung kämpfen. Doch das Leben des Temogen „Cocoy“ Tulawie wird sich am 13.Mai grundsätzlich verändern.

Über den Süden Mindanaos erfährt man nur wenig, was zum Teil durch eine zeitweilige Mediensperre unterstützt wurde. Für Touristen gilt der Süden aufgrund zahlreicher Entführungsfälle als No-Go-Area und für den Staat als nicht regierbar. Der Sulu-Archipel befindet sich im äußersten Südwesten der Philippinen. Hier lebt überwiegend die muslimische Bevölkerung der Philippinen. Die Entfernung zur Küste Malaysias entspricht ungefähr der zu Mindanao. Die Distanz zum „Festland“ und Manila erschwerte es schon den Spaniern und Amerikanern Kontrolle über dieses Gebiet zu erlangen und auch der philippinischen Regierung ist es bis heute nicht gelungen, dort funktionsfähige staatliche Strukturen zu schaffen, die frei von Gewalt und privaten Machtinteressen agieren. In der Region teilen sich Familienclans und einflussreiche Politiker mithilfe privater Sicherheitsarmeen das Land unter sich auf. Die Leidtragenden sind die Zivilisten.

Als man 1946 die neue philippinische Republik ausrief, wurde gegen den Willen der muslimischen lokalen Bevölkerung, der Sulu-Archipel automatisch mit zum neu gegründeten Staat gezählt. Daraufhin formierte sich ein immer breiter werdender Widerstand, welcher sich mit dem zunehmenden staatlich geförderten Landraub von Seiten der Siedler aus Luzon und den Visayas, verstärkte.

Sulu liegt im äußersten Südwesten der Philippinen.

Sulu liegt im äußersten Südwesten der Philippinen.

Von 1913 bis Mitte der 1970er Jahre schrumpfte der muslimische Bevölkerungsanteil im Süden auf 30% von ehemals 98%. Die zunehmende Besiedlung hatte noch weitere drastische Folgen. Der Philippinen-Experte Rainer Werning geht davon aus, dass weniger als 15% der ursprünglichen Bevölkerung noch in Besitz von Land sind. Rund 80% der Muslime seien zur Zeit landlose Pächter. Der Großteil des Verwaltungsapparats, das Militär sowie Dienstleistungs- und Handelssektor seien in der Hand von zugewanderten Siedlern, die muslimische Bevölkerung spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle – wenn überhaupt. Die zunehmende ungleiche Behandlung führte in den 1970iger Jahrem zu einem bewaffneten Widerstand., welcher bis heute u.a. durch die terroristische Gruppe Abu Sayyaf und der Moro Islamic Liberation Front (MILF) weiter geführt wird. Während der Marcos-Ära waren allein 60% der philippinischen Armee im Süden stationiert. In folge des Unabhängigkeitskampfes sind Schätzungen zufolge seit 1970 über 120 000 Menschen gestorben. Der Staat versucht mit aller Härte Ruhe in das Archipel zu bringen – auf Kosten der Zivilbevölkerung.

Im Juni 2008 wurden zum Beispiel Luftangriffe auf einzelne Siedlungen in der Region durchgeführt, zur „Terrorismusbekämpfung“ hieß es. Betroffen waren aber vor allem zahlreiche Zivilisten. Temogen „Cocoy“ Tulawie schickte zu eben diesem Vorfall Studenten in die Region, damit sie zu dem Vorfall Zeugenaussagen sammeln. Wie sich herausstellte, fühlten sich die Dorfbewohner sowohl von den Regierungstruppen als auch von den Abu Sayyaf Kämpfern bedroht. Doch die danach in Gang gesetzten Friedens- und Mediationsbemühungen von Seiten des Menschenrechtsverteidigers Cocoy stießen auf Ablehnung des Governeurs A. Tan. Anscheinend war und ist es für den Gouverneur einfacher militärische „Erfolge“ zu erzielen, als mühselig zwischen Rebellen und Zivilbevölkerung zu unterscheiden und Verhandlungen zu führen.

Never do this again“, soll Tan ihm damals gedroht haben. Doch Temogen „Cocoy“ Tulawie ließ sich vom Governeur Tan nicht beeindrucken und arbeitete weiter als Menschenrechtsverteidiger.

Die Menschen in Sulu waren am Anfang sehr skeptisch. Sie konnten mit Menschenrechten nichts anfangen; diese Herangehensweise war völlig neu für sie. Sie haben mich gefragt, warum ich nicht einfach Leute bewaffne und gegen die Regierung kämpfe. Ich habe erklärt, dass Menschenrechtsarbeit ein neuer, anderer Weg ist, gewaltlos.“ ***

Cocoy kennt die Missstände in seiner Region und kämpfte friedlich dagegen an. Er begleitete Opfer von Menschenrechtsverletzungen zur Polizei, initiierte Mediationsgespräche und vermittelte bei Entführungsfällen. Er klärte die Menschen über ihre Rechte auf. Gleichzeitig zeigte er der Bevölkerung, dass man nicht unbedingt zur Waffe greifen muss, wie es die Abu Sayyaf propagiert, um für die eigenen Rechte zu kämpfen.

Heute sitzt Temogen „Cocoy“ Tulawie in Untersuchungshaft in Davao und kann trotz seiner Erfahrungen mit Menschenrechten nur zusehen, wie er langsam mundtot gemacht wird. Cocoy wird versuchter mehrfacher Mord vorgeworfen. Er soll das Bombenattentat am 13.Mai 2009 im Namen der Abu Sayyaf auf Govenor Tan vorbereitet haben.

Menschenrechtsorganisationen wie "Task Force Detainiees of the Philippines" machen auf den Fall Cocoy aufmerksam.

Menschenrechtsorganisationen wie „Task Force Detainiees of the Philippines“ machen auf den Fall Cocoy aufmerksam.

Zwar habe die Abu Sayyaf laut Cocoys eigener Aussage nach die Mitgliedschaft angeboten, aber nach einigen Diskussionen entschied sich Cocoy aufgrund der hohen Gewaltbereitschaft Abu Sayyafs für seinen eigenen friedlichen Weg der Menschenrechtsarbeit.

Im Moment scheint es so, als wolle Gouverneur Tan den für ihn unbequemen Menschenrechtsverteidiger loswerden. Dafür hat Tan eigens einen privaten Staatsanwalt engagiert, welcher für den Fall derzeit verantwortlich ist. Zusätzlich seien Zeugen und Häftlinge, welche Mitglieder der Abu Sayyaf sind, für Falschaussagen bestochen worden. Außerdem warnt die Asian Human Rights Commission davor, Cocoy im Gefängnis von Manila zu inhaftieren, da dort bereits Haftinsassen bestochen wurden, ihn zu ermorden.

Doch das Medienecho ist groß. Viele NGOs wie zum Beispiel die philippinische Menschenrechtsorganisation `Task Force Detainees Peoples` (TFDP), `Mindanao Peoples Caucus` (MPC) oder die Arbeiterorganisation `Alliance for progressive Labor‘ (APL) machen mit Protestaktionen, Petitionen und Internetaufrufen mobil. Aber auch die internationale Gemeinschaft schaut nicht weg. Die EU beobachtet unter anderem den Prozess in Manila; auch das Aktionsbündnis Menschenrechte – Philippinen und IPON schauen genau hin.

*** Auszug aus einem von IPON geführten Interview mit Cocoy. Das Zitat wurde ins Deutsche übersetzt.

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Eine Antwort zu „Never do this again!“

  1. Pingback: 17 Monate im Gefängnis – Jetzt kann´s losgehen | Human Rights Observation in Mindanao, Philippines

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