400.000 Peso und alles ist wieder wie es war?

Nur eben ein Menschenleben weniger.

Malaybalay 01. August 2012 – Militär und Polizei eskortieren 135 Menschen aus der Provinzhauptstadt Bukidnons nach San Fernando. Alles bezahlt aus den staatlichen Kassen. Doch es handelt sich nicht um einen normalen Umzugstross. Nach fünf Monaten Protestcamp und einigen Wochen Hungerstreik vor dem Büro des Provinzgoverneurs in Malaybalay kehren die Mitglieder der Indigenen Gruppe KASILO Lumad in ihren Heimatort Dao bei San Fernando zurück. Mit im Gepäck: 400.000 Peso und ein immer noch nicht juristisch verfolgter Mord ihres Anführers Jimmy Liguyon. Was war geschehen und warum müssen hundert Menschen von Polizei und Militär begleitet werden, wenn sie in ihren Heimatort zurückkehren?

Unter Militärpräsenz wird das Lager am 1.August abgebaut

Unter Militärpräsenz wird das Lager am 1.August abgebaut

Bukidnon – sieben Tribes, unzählige Clans und indigenen – Vereinigungen leben weit verstreut mitten in den Bergen Mindanaos. Tausend Meter unter ihnen liegen unvorstellbare Gold-, Kupfer- und Quarzvorkommen verborgen. Die Böden auf denen sie leben, sind vulkanischen Ursprungs und deshalb besonders fruchtbar. Vieh – und Landwirtschaft sind essentielle Säulen für ihr Leben. In den letzten Jahrzehnten erkannten aber auch zahlreiche Multikonzerne den Reichtum Mindanaos. Nur 2% der Gewinne müssen internationale Unternehmen in den Philippinen versteuern. Ein gutes Geschäft für die Großunternehmen und so wurde Landvertreibung zur bitteren Realität vieler indigener Stämme. Neben dem großräumigen Plantagenanbau von Ananas und Bananen zerstören zunehmend Bergbau – Projekte das Ahnenland der Indigenen Bukidnons. Abwässer und Gifte werden in die Flüsse geleitet, die Umwelt wird dadurch zusätzlich belastet. Somit ruinieren der aggressive Monokulturanbau und die Goldgewinnung dauerhaft die Natur und den Lebensraum tausender Menschen. Den Großkonzernen kann dies egal sein, denn nach Jahrzehnte Jahre langen Landraub können sie einfach weiter zur nächsten Goldmine ziehen.

Dao San Fernando – In der Region im Süd-Osten Bukidnons schürft die Indigenen Gruppe KASILO Lumad, welche sich zum Stamm der Matigsalog zählen, auch Gold – allerdings im kleinen Stil. Doch erste Großkonzerne klopfen bereits an und wollen mehr Gold und Gewinne aus dem Boden holen. Der Gemeindevorsteher Jimmy Liguyon, der auch Anführer der KASILO Lumad ist, stellt sich gegen eine Bergbau – Offensive und damit auch gegen die zweite Indigenen Gruppe in der Region – San Fernando Tribal Datus Association (SANMATRIDA).

Bukidnon – Entgegen des romantischen Bildes von in Einklang lebenden Indigenen, sieht die Realität etwas anders aus. Das IPRA – Gesetz ermöglicht ihnen, ihr Ahnenland offiziell zu beantragen (→ mehr zu IPRA). Doch die Interessen was mit dem Land geschehen soll, gehen innerhalb und auch zwischen den indigenen Gruppen auseinander. Einigen Erzählungen zu Folge kooperieren zum Beispiel immer mehr Datus1 mit internationalen Großkonzernen und öffnen gegen Geld ihr Ahnenland den Bergbaukonzernen. Das ruft wiederum Widerstand bei anderen indigenen Gruppen hervor.

 “I killed the captain [village chief] because he wouldn’t [join] the SANMATRIDA and refused to give certification to SANMATRIDA”, Alde Salusad a.k.a Butsoy2

Ein ähnliches Szenario spielte sich auch in San Fernando ab. Die San Fernando Tribal Datus Association (SANMATRIDA) will 52.000 Hektar als ihr Ahnenland beantragen, um dies dann anschließend an Bergbau – Unternehmen zu verpachten. Doch die Blockade Jimmy Liguyons, ohne dessen Unterschriften der Antrag auf das Ahnenland nicht möglich ist, verhindert die Pläne SANMATRIDAs. Einschüchterungsversuche und Todesdrohungen von Seiten der paramilitärischen Einheiten der TRIOM Force und der New Indigenous People’s Army Reform (NIPAR) sind die Folge und gipfeln schließlich im Mord an Jimmy Liguyon. Am 5.März 2012 um 6:30 wird Jimmy Liguyon: Mining – Gegner, Menschenrechtsaktivist, Datu von KASILO Lumad und Gemeindevorsteher – von Alde Salusad alias Butsoy erschossen. Der Täter gehörte zu der zweiten indigenen Gruppe Daos – San Fernando Tribal Datus Association (SANMATRIDA) und ist gleichzeitig Mitglied der paramilitärischen Einheit NIPAR.

Nach der Tat – NIPAR veröffentlicht eine Pressemitteilung in der sie die Tat einräumt, aber gleichzeitig das Opfer als Mitglied der News People Army und somit als Kommunisten bezichtigt. Den Angehörigen der Indigenen Gruppe KASILO Lumad wird nahe gelegt Stillschweigen zu bewahren, ansonsten sollen sie ebenfalls ermordet werden. Es folgt die Flucht und gleichzeitig auch der Protest in Malaybalay. Polizeisondereinheiten werden gebildet – ohne Erfolg. Der Täter bleibt auf der Flucht. Immer wieder wird er in Dao gesichtet. Juli 2012, Hungerstreiks im Protestcamp, Mediationen und Verhandlungen schlagen immer wieder fehl. Schließlich der Durchbruch: 400.000 Peso (umgerechnet circa 8000 Euro) sollen die Demonstranten bekommen, wenn sie zurückkehren. Zusätzliche Unterhaltsleistungen für ein neues Leben in Dao inklusive. Militär und Polizei sollen den Umzugstross zur Sicherheit begleiten. Und dann? Was passiert mit dem Täter der immer noch frei und wahrscheinlich bewaffnet ist? Anscheinend ist das der Provinzregierung in Malaybalay egal, denn San Fernando sei dafür zuständig. Also zieht der Tross wieder zurück in den Streit und mit im Gepäck den ungesühnten Mord an Jimmy Liguyon.

1 Indigenen Vertreter einer jeweiligen Gruppe, dies kann sich auf ein Dorf oder Tribe beziehen

2 URGENT APPEAL – THE OBSERVATORY, “Philippines: Killing of Mr. Jimmy Liguyon”

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